
Trossinger Symposien zur Renaissancemusikforschung
2001 veranstaltete das Institut für Alte Musik unter der Leitung von Prof. Dr. Nicole Schwindt zum ersten Mal die in der Folge jährlich stattfindenden musikwissenschaftlichen Symposien zu Fragen der Renaissancemusik. Damit entstand für Forscher und Interessierte aus zahlreichen europäischen Ländern ein weithin ausstrahlendes Diskussionsforum zu wechselnden Themen und aus unterschiedlichen Perspektiven.
2003 beteiligte sich das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Zürich an der Durchführung, 2005 tagte das Symposium in Rottweil, um in Kooperation mit der Nachbarstadt des vor 500 Jahren in der freien Reichsstadt wirkenden Musiktheoretikers Heinrich Glarean zu gedenken. Das letzte Symposium fand außerhalb des üblichen Turnus im Juli 2007 im Rahmen des 18. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft in Zürich unter dessen Generaltitel „Passagen“ statt: Die Kunst des Übergangs.
Die Veröffentlichung der Symposiumsbeiträge erfolgt in TroJa, dem Trossinger Jahrbuch für Renaissancemusik, das vom Bärenreiter-Verlag Kassel herausgegeben wird. Förderer der Veranstaltungen und der Publikation waren mehrfach die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie die Fritz-Thyssen-Stiftung, die Gerda-Henkel-Stiftung, die Mariann-Steegmann-Foundation, die Stiftung Landesbank Baden-Württemberg und die Stiftung Württembergische Hypothekenbank.
Rückblick 2007: VII. Trossinger Symposium zur Renaissancemusikforschung
13. Juli 2007, Universität Zürich
Die Kunst des Übergangs – Musik aus Musik in der Renaissance (im Rahmen des 18. Internationalen Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft: »Passagen«, Zürich 10.–15. Juli 2007), Leitung: Nicole Schwindt (Trossingen)
Wenngleich Verfahren, bei denen Musik neue, andere Musik provoziert, zu den überzeitlichen Phänomenen gehören, waren sie für das musikalische Denken der Renaissance von besonderer Bedeutung und erfuhren im 15. und 16. Jahrhundert eine entsprechende Pluralisierung. Cantus-firmus-Bearbeitung, Parodie und Kontrafaktur, Bearbeitung und Reworking, Ornamentierung, Variation, Paraphrase sowie Zitat verdichten sich zu einem eigenen differenzierten System, das einen spezifischen »aesthetic value« einlöst. Es ist in einem Kontext angesiedelt, für den die Spannung zwischen schriftloser und von Schrift geprägter Musikkonzeption zentral wird, der die Differenz zwischen vokaler und instrumentaler Musik erstmals intensiv erfahrbar macht, in dem die Reflexion der Historizität des eigenen Tuns eine zunehmende Rolle spielt.
Obwohl »musical borrowing« und Intertextualität keine unterrepräsentierten Forschungsfelder darstellen, richtet sich das Augenmerk zumeist auf das Produkt der Transformation, das Gérard Genette mit den Begiff »Hypertext« belegte, fast nie hingegen auf den »Hypotext«. Deshalb sollen die Fragen explizit auf diesen Ausgangsstoff gerichtet werden, um den Prozess der Umwandlung, die Passage, besser zu verstehen: Was wird aus der Vorlage? Wird sie verschwiegen oder gar markiert? Was bedeutet die Transformation für den Hypotext, wie wirkt sie sich auf ihn aus – technisch und hinsichtlich seines Sinns? Welches Licht wirft sie auf ihn? Welches sind die Potenziale und möglicherweise die Lacunae des Hypotextes, die den Hypertext provozierten und legitimierten?
Programm
Klaus Aringer ( Graz) Vom Vokalen zum Instrumentalen – Vorgänge des Intavolierens im » Buxheimer Orgelbuch «
Fabrice Fitch (Durham) The formes fixes come full circle: »Art-song« borrowings in Agricola's chansons
Birgit Lodes (Wien) Multiple Erscheinungsformen einer Vorlage am Beispiel von » Maria zart «
Andreas Meyer (Berlin) Komponisten-Motette als historischer Raum: Zu Nicolas Gomberts » Musae Iovis «
Bernhold Schmid (München) Aspekte der Kontrafaktur im 15. und 16. Jahrhundert: Funktion, Satz, Gattung
Laurie Stras (Southampton) Resisting the myth of polyphony
drucken